Erfahrungsbericht
Viele kleine Schritte
Klare äußere Strukturen und vorhersehbare Abläufe geben Menschen im Autismus-Spektrum innere Sicherheit. Wie das in der Alltagspraxis funktioniert, zeigt dieser Erfahrungsbericht.
Magdalena (24 Jahre) lebt in einer von alpha nova betreuten Trainingswohnung im Grazer Bezirk Lend. Auf die Frage, wie es ihr geht, runzelt sie die Stirn: „Was genau willst du von mir wissen? Der Tag hat 24 Stunden, da kann ich meine Antwort nicht auf diesen einen Moment reduzieren.“ Soziale Interaktion ist für viele Menschen im Autismus-Spektrum ein Stressfaktor. „Außerdem fällt es vielen Bewohner:innen schwer, intuitiv eine andere Perspektive zu erfassen. Was ihnen aber meist gut gelingt, ist das logische Schlussfolgern. Deshalb besprechen und üben wir soziale Situationen, wie zum Beispiel die Terminvereinbarung bei einer Ärztin oder einem Arzt. Das vermindert Stress und die Perspektivenübernahme wird dadurch gefördert“, erklärt Maria Hirczy, Psychologin bei diesem Wohnangebot.
Wenn Alltag sich wie Arbeit anfühlt…
In ihrer Wohnung reinigt Magdalena gerade den Fußboden, während ihre Bezugsbetreuerin Irene abstaubt. „Irene hat mir die Wischtechnik gezeigt und gemeinsam haben wir eine Checkliste erarbeitet. So weiß ich, in welchem Raum ich anfangen und wo ich aufhören soll. Die Anwesenheit meiner Betreuerin hilft mir dabei sehr“, sagt Magdalena. Solche Alltagstätigkeiten werden in den Trainingswohnungen so lange geübt, bis notwendige Handlungsabläufe zur Routine werden. „Die Fähigkeit, einen Handlungsplan zu entwickeln oder nachzuahmen, ist bei manchen Menschen im Autismus-Spektrum besonders in jungen Jahren noch nicht gut ausgereift. Viele kleine Handlungsschritte müssen gemeinsam geübt und in weiterer Folge in eine Handlung umgesetzt werden. Und das ist für unsere Bewohner:innen oft harte Arbeit“, bestätigt Maria Hirczy.
Eine klare Lebensstruktur vorfinden und viel Selbstbestimmung leben
Für einen ausgeglichenen Alltag sind individuelle Tagesabläufe und fixe Wochenpläne hilfreich. „Es klingt paradox: Aber je strukturierter das Leben von Menschen im Autismus-Spektrum ist, umso mehr innere Freiräume entstehen.“ Wenn der strukturelle Rahmen steht und die jeweilige Person mit unserer Unterstützung das richtige Lernmodell findet, kann es viele Entwicklungserfolge geben. „Und manchmal zeigen sich sogar wunderbare Talente“, findet Maria Hirczy. Wie bei Magdalena, die musikalisch sehr begabt ist. Mit Musik kann sie ihre Gefühle ausdrücken und Entspannung im meist doch sehr herausfordernden Alltag finden. Sie ist ein Rückzugsort, der Struktur und einen Ausweg aus der Reizüberflutung bietet.